Vom Glanz und Elend der Selbstständigkeit
26.11.2008 von Elke Hesse
Phase 1: Es gibt Zeiten, da ist alles perfekt: Textarbeiterin hat herausfordernde, beglückende und gut bezahlte Jobs; die Arbeit an und mit Worten, Sätzen, Botschaften und Geschichten ist abwechslungsreich und macht Freude und richtig Spaß. Das Kundenfeedback ist positiv, hebt das Selbstbewusstsein, motiviert sogar zu völlig entspannter Akquise. Und diese grundheitere Stimmung vermag es, einen über alle Kümmernisse des Alltags hinwegzutragen – als da wären Ärger mit dem Finanzamt; strenge Bemerkungen der Lehrerin über das Benehmen des Sprösslings; ein sich vernachlässigt fühlender Lebenspartner; der zunehmend verwilderte Garten; die Unaufgeräumtheit der eigenen vier Wände; und was das Leben sonst noch so an unangemessenen Widrigkeiten bietet. Und nie nie niemals mehr kann Textarbeiterin sich vorstellen, diesen angenehmen, omnipotenten Workflow jemals wieder einzutauschen gegen ein langweiliges, in Zeitkorsetts eingeschnürtes Angestelltendasein.
Phase 2: Es gibt Zeiten, da fühlt Textarbeiterin sich wie der viel zitierte Hamster im Rad. Das läuft und läuft und wird immer schneller und keiner hält es an. Drei Anfragen kommen gleichzeitig, alles ist supereilig, die Mailbox quillt über, das Kind wird krank, der Kühlschrank ist leer. Der Tag müsste 48 Stunden haben (mindestens), das Schlafbedürfnis sollte gegen Null sinken, das Multitasking-Vermögen hat das Limit erreicht und droht umzuschlagen in ein multiples Versagensangst-Syndrom. Textarbeiterin fragt sich, warum sie sich das eigentlich alles zumutet und nicht einfach irgendeinen vernünftigen Bezahljob in irgendeiner Agentur, irgendeinem Verlag oder irgendeiner Redaktion annimmt. Überschaubar, stressbegrenzt, strukturiert.
Phase 3: Und dann gibt es Zeiten, da herrscht gähnende Leere. Auftragslöcher weiten sich zu unüberschaubaren Kratern. Schweigen im Postfach. Der Zuschlag für ein Angebot geht an jemand anders. Zunächst beruhigt Textarbeiterin sich noch: Ist doch prima, endlich mal Zeit, all das in Angriff zu nehmen, was schon so lange wartet: den Schreibtisch aufräumen, die richtige Altersvorsorge suchen, die richtige Schule fürs Kind, den Garten pflegen, einfach mal wieder shoppen gehen. Oder besser doch wieder Akquise machen? Dahin und dorthin eine E-Mail schreiben? Noch mehr netzwerken, sich hier und dort in Erinnerung bringen? Aber wirkt das nicht verzweifelt?
Panik greift um sich: Keiner liebt mich. Keiner will etwas von mir. Ich mache alles falsch. Der Zweifel an sich selbst wächst: Habe ich versagt? Was mache ich falsch? Hat der letzte Text nicht überzeugt? Waren im letzten Lektorat doch noch Fehler? War ich zu teuer? Oder zu billig? Wie soll es nur weitergehen?
Kurz bevor die Depression manifest wird, kommt der nächste Auftrag. Und der übernächste. Und dann beginnt Phase 1. Oder Phase 2. Und irgendwann wieder Phase 3.
Und diese Extreme – von Zeiten euphorisierender glückseliger Schaffenskraft über Phasen nahe am Burnout bis hin zur Depression – muss jede Selbstständige und jeder Selbstständige aushalten können, im Textbereich und in allen anderen Branchen sicher auch.




Sehr gut zusammengefasst. Und ich kann es auch bestätigen, dass es auch in anderen Branchen (IT und wine education, sind meine direkte Erfahrungen) so ist.
Schön geschrieben ;) und kommt (wahrscheinlich nicht nur) mir bekannt vor.
SOLCHE & SOLCHE
Es gibt Tage, die gibt es nicht. Oder besser: die sollte es nicht geben. Man versucht To Do Listen abzuarbeiten, seine Firma voranzubringen (und sei es nur durch die Niederschrift von Ideen) oder einfach seine Ablage in den Griff zu kriegen. Es funktioniert: Nichts.
Stattdessen melden sich Kunden per Mail oder Telefon, die To Do Listen erweitern, Anwälte, die die Firma bremsen oder einfach mehr Ablage …
Stunde für Stunde wird es schlimmer und der Tag sinnloser. Dazu kommen neue Videos und coole Links, Blogger, Skyper und Xinger (Crossinger) und so weiter. Und dann? Dann sind das kurzfristig gute Ausreden, warum man nichts geschafft hat. Aber eben nur kurzfristig.
Und dann gibt es die anderen Tage:
09.00 Uhr; gute Mails, gute Ideen.
12.00 Uhr; gute Kundengespräche, gute Kontakte.
15.00 Uhr; gute Recherchen, gute Meetings.
18.00 Uhr; gute Entwürfe, gute Konzepte.
21.00 Uhr; gute Laune, gutes Bier.
Und weil es häufiger so ist als anders, bin auch ich gern Unternehmer.
published on http://www.bastiankoch.com 26.08.08
Und was lernen wir daraus? Richtig: gar nichts. Und warum nicht? Weil nichts über das Freelancer-Dasein geht! :)
Hallo snext, wo du recht hast, hast du recht! Gab auch gar nix zu lernen hier. Außer vielleicht, dass man merkt, den anderen gehts genauso. Und dran erinnert wird, dass es auch andere Phasen gibt, wenn man in einer grad tief drinhängt, die nicht die erste ist :-)
[...] genau so ist es: Vom Glanz und Elend der Selbstständigkeit berichtet textguerilla-Elke und Freelancer werden beim Lesen unaufhörlich nicken wie ein [...]