Ein Texter ist ein Texter ist ein Texter?
05.12.2008 von textdeluxe
Was ist eigentlich ein Texter? Was muss er können, um einer zu sein?
Es herrscht Unklarheit. Auch, weil es verschiedene Spezies von Textern* gibt, wobei “Texter” zumeist erstmal den gemeinen professionellen Werbetexter meint – jemanden, der Ideen und Texte liefert für Anzeigen, Broschüren, Websites und alles, was noch zur werblichen Unternehmenskommunikation gehört.

photo credit: Caveman 92223
Und ist Texterei nun zum wesentlichen Teil der (Gebrauchs-)Kunst zuzuschlagen? Oder doch “nur” dem Handwerk? Was in die Frage mündet, inwieweit jeder theoretisch das Texten erlernen kann. Und damit, wie viel professionelle Texte wert sein können. (Besonders rare Dinge und Fähigkeiten sind natürlich ungleich wertvoller, man denke nur an Diamanten oder Herzchirurgen.)
Ist man, wenn man nur genug “Kniffe” kennt, gleich ein guter Texter? Meine Einschätzung: Nein. Das Wissen ums Wie eignet man sich natürlich an, aber – ich formulier’s mal konsensfähig – Sprachgefühl, Talent, Neugier, Beobachtungsgabe, Allgemeinbildung und Ideenreichtum braucht es schon a priori.
Niemand würde einen Zahnarzt fragen, wie man sich Zahnersatz aus Baumarktkrempel selbst basteln kann. Und niemand käme je auf die Idee, einen Schreiner, den er gerade in den gelben Seiten gefunden hat, zu löchern, wie man Einbauschränke in Eigenleistung zimmert.
Etwas, “was doch jeder kann”, wenn er nur die richtigen Tipps bekommt, ist natürlich nicht so richtig wertvoll. Man kann dafür bezahlen, so wie man auch Reinigungspersonal beschäftigt, wenn man nicht selbst putzen mag, es aber natürlich könnte, wenn man nur wollte:
Kostenlose Werbetexte? Geschenkt!
Aber zurück zum Thema. Warum meinen manche Leute eigentlich, für Pipifax wie Autoreparaturen oder Herzoperationen Geld ausgeben zu müssen, für professionelle Werbetexte aber nicht?
Hier scheint der Irrglaube vorzuherrschen: Werbetexten kann im Grunde jeder, wenn er nur die Zeit dafür hätte. Oder wenn man ihm ein paar „Tricks und Tipps“ verraten würde. Kostenlos versteht sich, denn im Leben bekommt man ja auch sonst alles geschenkt.
Herr Maier identifiziert unter anderem den fehlenden Schutz des Berufsbilds “Texter” als Ursache für herrschende Unwissenheit:
Im germanisch-preußischen Kollektivbewusstsein stellt das Werbetexten irgendwie keine ernstzunehmende Tätigkeit dar.
Das kann u.a. daran liegen, dass der Beruf des Werbetexters von der IHK nicht wirklich anerkannt wird. Im Gegensatz zu dem des „Sattlers“ – auf den eine stolze Reiternation wie Deutschland aus leicht nachvollziehbaren Gründen nicht verzichten mag.
Ganz wesentlich sind auch seine Betrachtungen zu Gratistipps zum Do-it-yourself-Texten, zum Wesen des Texters im Allgemeinen und Besonderen – und zur Wertschätzung unserer Arbeit. Von der wir leben möchten und zumeist auch können:
Glauben Sie ernsthaft, Sie bekämen von mir oder meinen Kollegen irgendetwas umsonst, das Ihnen wirklich weiterhilft?
Was nix kostet, ist auch nix. Außer manchmal.
Aber Polemik beiseite. Eigentlich sind Werbetexter ganz nette, oft liebenswerte Menschen. Sie üben lediglich einen seltsamen Beruf in einer komischen Welt aus, die von einer komplett durch- und zugeknallten Menschheit dominiert wird.
Dabei können Werbetexter oft auch ausgesprochen großzügig sein. Buchen Sie einen, z.B. um einen schicken, verkäuferischen Text für die Startseite Ihres Online-Shops zu bekommen, kann es sein, dass er ihnen obendrein noch wertvolle Tipps für die Suchmaschinenoptimierung gibt und Ihnen einen Grafiker besorgt, der Ihr Layout auf Vordermann bringt. Beides quasi unentgeltlich zum Text-Honorar dazu.
Zum einen aus Eitelkeit: Er will, dass jeder seinen tollen Text liest, der dann keinesfalls in einem ramschigen Umfeld stehen darf. Zum anderen aus Gutmütigkeit: Er freut sich, wenn sein Kunde erfolgreich, glücklich und zufrieden ist. Daraus bezieht er seine Selbstachtung. Die Bezahlung ist für ihn ein wichtiges Kriterium für die Wertschätzung seiner Arbeit.
Denn eigentlich gibt es seinen Beruf ja gar nicht.
Das hat er schön gesagt. Und er hält auch noch weitere interessantere Ausführungen zum Thema bereit: zum Beispiel HIER, aber auch in weiteren Beiträgen zum Texten.
* Wenn bei MyHammer und Co. nach Textern gesucht wird, die 300 Texte à 200 Wörtern für 20 Euro produzieren sollen zum Thema Riesterrente, dann sind SEO-Texter angesprochen, die sich wahrscheinlich zumeist aus gelangweilten Hausfrauen und Schülern rekrutieren, denn LEBEN kann man von dieser Arbeit nicht, dazu hat der Tag zu wenig Stunden … Dann gibt es noch Mailing-Texter, die ich persönlich auch nicht unbedingt in Gänze dem klassischen Berufsbild des Texters zuordnen würde – die in Kompaktkursen erworbenen Kenntnisse beziehen sich zumeist auf psychologische Verkaufstricks, es mag sein, dass Imagebroschüren bei dieser Spezies nicht in den besten Händen wären.

Echt, seltsamer Beruf??
Stimmt eigentlich.
Ich mache das wohl schon zu lange und habe mich an die Seltsamigkeiten schon gewöhnt. :-)
[...] von Caveman 92223 unter CC-Lizenz; via) Andere auf diesen Beitrag hinweisen [...]
Auf 180 Friseure und 130 Lehrer kommen bestimmt nur 0,3 Werbetexter in der Bevölkerung oder so, könnte ich mir jedenfalls vorstellen. Also ein bisschen exotisch ist das schon. Klar, man gewöhnt sich an alles. :-)
Und ui, ein Genderblog-Trackback. :-)
Ich bin exotisch? Mein Beruf ist exotisch? Muss wohl so sein, denn vor zwei Wochen wurde ich von einer unbekannten Person durch mein Schaufenster fotografiert. Jetzt kenne ich den Grund für die unangeforderte Foto-Session. Ich textete gerade…
Was die SEO-Texter angeht, hab ich eben einen schönen Spruch gelesen: Pay peanuts. Get monkeys.
Nichts gegen Affen, aber texten können die meisten nicht (jaja, ich weiß, sie könnten schon, wenn sie 100 Keyboards und 100 Jahre Zeit hätten, aber das kostet dann auch einen Haufen Geld/Peanuts).
Schon interessant, dass man jemandem nicht sagen darf, dass er nicht so gut texten kann, auch intersubjektiv betrachtet. (Gerade erlebt bei Xing, da wollte eben jemand durch ein paar Tricks zum Texter werden.) Und die SEO-Hausfrauen müssten sich einfach nur mal umbenennen. In SEO-Schreibsklaven, SEO-Irgendwasschreiber oder so, dann gäb’s auch keine Verwechslungen mehr.
[...] dieser Stelle auch einen W e i h n a c h t s g r u s s an die Texter da [...]