Was wollen Sie: einen Aldi- oder einen Armani-Text?
30.01.2009 von Elke Hesse
Der Verhaltensökonom Dan Ariely, dessen Buch “Denken hilft zwar, nützt aber nichts” es vergangenen Herbst auf die Sachbuch-Bestsellerlisten geschafft hat, hat in der heutigen SZ ein aufschlussreiches Interview gegeben, in dem er genau erklärt, warum Menschen Preise völlig irrational beurteilen, abhängig vom jeweiligen Kontext (trinke ich meinen Kaffee am Stehtisch in der Bäckerei oder in einer schicken Lounge?), von der Bezugsgröße (wie viele Tassen Kaffee würde ich für ein Glas Champagner tauschen?) und von der eigenen Erwartung (je teurer der Kaffee, umso besser muss er sein). Ich zitiere aus einem weiteren SZ-Artikel zum Thema:
Waren oder Dienstleistungen haben praktisch nie einen objektiv korrekten Wert. Das kann sich jeder vor Augen führen, der schon mit dem Handy SMS-Nachrichten verschickt hat. Für 160 Zeichen Text werden gern 20, 30 Cent oder mehr bezahlt. Doch was wäre, sollten Internet-Dienstleister plötzlich einen einzigen Cent pro E-Mail verlangen? Weltweite Proteste wären die Folge.
Auf den Textbereich übertragen, müssen sich Profitexter und -lektoren also die Frage stellen: Wie schaffe ich es, bei meinen potenziellen Kunden das Bedürfnis nach einem Armani- statt einem Aldi-Text zu wecken (uiuiui, denkt der Homo oeconomicus, das ist ja schick, aber das kann ich mir nie leisten), diesen Text dann geschickt in Relation zu stellen zu den unglaublichen Benefits, die er bringt (Prestige, Besitzerstolz, mehr Aufmerksamkeit, neue Kunden, etc. pp.), und dann aus der völlig überzogenen Preiserwartungsangstblase des Homo oeconomicus mit einem großzügigen Lächeln die Luft rauszulassen (ist ja gar nicht soooo teuer wie gedacht, für solch ein Markenprodukt ja geradezu ein Schnäppchen …)? Preise sind zum großen Teil auch Gefühlssache, das sollte jeder Freiberufler wissen, der seine eigenen Preise auf dem Markt verkaufen muss. Und wem es gelingt, neben guten Texten wohlgemerkt, beim Kunden Rabatt im Hirn (aber nicht in der eigenen Brieftasche) zu erzeugen, der hat wohl alles richtig gemacht, :-).

Sehr richtig.
Ich raufte mir unlängst über einen ebenso knickrigen wie beratungsresistenten Kunden die Haare. Der Gute wollte, dass ich über eine von ihm erstellte Firmenpräsentation “mal drüberlese; das kann ja nicht lang dauern, nöch?”
Das Manuskript war noch schlimmer als erwartet und ich sagte ihm, dass er damit, selbst wenn ich die Fehler eliminiere, unmöglich an den Markt gehen könne. Es war – nennen wir´s ruhig beim Namen – GROTTIG. Der Kunde will, wohlgemerkt, damit sein neugeborenes Business zum Laufen bringen!!! Den Text neu von mir schreiben zu lassen, hätte ihn etwa das Zehnfache des Korrektorats gekostet (auch nicht die Welt, es ging um ein paar Seiten) … aber nein, er wollte nicht. “Das taugt jetzt für den Anfang schon!”, lautet sein Irrglaube. Nicht einmal das ge- und beflügelte “Du bekommst niemals eine zweite Chance für den ersten Eindruck” fruchtete.
Er verpulvert also jetzt die besten ausgewählten Adressen.
Teuer gekaufte Adressen der Firmen, die er am allerliebsten in seiner Kundenliste sehen möchte.
Und ausgerechnet die bekommen jetzt den denkbar übelsten Text.
Manchmal, aber nur manchmal … ist das Textersdasein frustrierend.
Nicht frustrieren lassen! Jeder ist seines Glückes Schmied. Vielleicht sind seine Kunden ja genauso fehlbelichtet wie er, dann kann er sogar Glück haben. Vielleicht aber auch nicht. Dann gibt’s bald einen Trottel weniger, der meint, Unternehmer sein zu müssen. (Dafür sorgt schon seine Bank.) – Wird die Welt dadurch schlechter?
Schlechtere Welt durch weniger anwesende Blödmänner? Nö.
Danke, Ralf, das hat mich jetzt etwas aufgeheitert. ;-)