Limbach: “Wir müssen unsere Sprache pflegen”
08.03.2009 von Corinna Dürr
Für einen selbstbewussteren Umgang mit der deutschen Sprache plädiert Jutta Limbach, ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts und des Goethe-Instituts. Im gestrigen Interview mit der WAZ sagte sie:
“Deutsch hat neben Englisch und Französisch eine privilegierte Stellung in der EU, weil es zu den internen Arbeitssprachen zählt. Doch wir müssen von diesem Privileg auch Gebrauch machen. Allzu leicht weichen deutsche Diplomaten, Politiker oder Beamte in Verhandlungen aufs Englische aus, auch wenn Dolmetscher zur Stelle sind.”
Wer im Beruf als Arbeitssprache Englisch spricht und schreibt, trägt zum Verkümmern der deutschen Sprache bei, meint Limbach. Und rät, auf Simultanübersetzung ins Deutsche zu pochen.
Hmm, die deutsche Sprache pflegen, das ist ganz im Sinne der Textguerilla. Doch warum sollten Deutsche, die erfreulicherweise gut Englisch können, nicht direkt mit Menschen aus aller Welt sprechen? Und warum muss die EU für jede Verhandlung Simultandolmetscher bezahlen, wenn es auch mal ohne geht?
Gutes Deutsch sollten wir in Deutschland pflegen. International können wir meinetwegen Englisch, Suaheli oder Hände und Füße verwenden, wenn es der Völkerverständigung dient.

>Doch warum sollten Deutsche, die erfreulicherweise gut Englisch >können, nicht direkt mit Menschen aus aller Welt sprechen?
Die komplexen Sachverhalte, die in der EU verhandelt werden, sind wahrscheinlich nicht mit “guten Englischkenntnissen” zu handhaben.
Die SZ hat das Thema im Artikel “Dolmetscher, where are you?” (http://tinyurl.com/bfyxqt) aufgegriffen: “Wissen Sie, was ‘Mitteilung der Kommission über den Beginn der Anwendung der Ursprungsprotokolle zur diagonalen Kumulierung’ auf Englisch heißt? Kein Wunder, dass der EU die Dolmetscher ausgehen”.
Im Übrigen sucht der EU-Sprachendienst derzeit Nachwuchsdolmetscher auch für die gängigen Sprachen Englisch, Französisch und Deutsch und hat zu diesem Zweck ein youtube-Video geschaltet, in dem man sich ein Bild von der Arbeit der EU-Dolmetscher machen kann: http://www.youtube.com/watch?v=MA2fWvtMPDU
Der raschen und möglichst unmissverständlichen Verständigung kann es doch nur dienen, wenn dolmetschende Sprachprofis vor Ort sind, damit die verantwortlichen EU-Politiker aller Nationen in ihrer Muttersprache erfahren, was gerade am Rednerpult gesagt wird oder worüber sie abstimmen sollen. Viel schlimmer fände ich es, würde einer unserer deutschen Vertreter die Hand heben weil er vermeintlich etwas verstanden hat. Oder weil er nicht zugeben will, dass er nix vom dem, was ein “English Speaker” gerade gesagt hat, verstanden hat. Dann doch lieber den Knopf ins Ohr und der Übersetzung des Profis zuhören. Umgekehrt finde ich es auch in Ordnung, dass Politiker in der eigenen Muttersprache vortragen können und übersetzt werden, dann müssen sie nicht erst fremdsprachliche Defizite aufarbeiten.
Solange Sprachungetüme wie das von der SZ zitierte in der EU ihr Unwesen treiben, bin ich froh um die Anwesenheit von Dolmetschern. Die würden sich allerdings bestimmt freuen, wenn auch in der EU prägnanter Profitext Einzug hielte.
Ein Fall für Textguerilla international … :-)
[...] durch einen Beitrag der Textguerilla zu Jutta Limbachs Aufruf, unsere Sprache zu pflegen, habe ich ein wenig nachgeforscht. Frau Limbach [...]
Liebe Be Es Ha,
danke für den kritischen Kommentar. Ich hatte schon auf den Aufschrei der Übersetzerinnen gewartet. ;-)
Nein, ich will die Übersetzungszunft nicht arbeitslos machen. Die EU wird kaum ohne Simultandolmetscher auskommen. Doch manch alter EU-Hase mag sich mit seinem Fachgebiet und den EU-spezifischen Wortungetümen auf Englisch bestens auskennen (vielleicht besser als ein allgemeiner Übersetzungsprofi). Der darf gerne direkt auf Englisch verhandeln, ohne gleich als Verräter der deutschen Sprache dazustehen.
Vor allem bezweifle ich, dass Übersetzungen bei der EU den entscheidenden Beitrag zur Pflege der deutschen Sprache leisten. Über Wohl und Wehe des Deutschen entscheidet vielmehr unser Umgang mit der Sprache in Deutschland.
>Vor allem bezweifle ich, dass Übersetzungen bei der EU den >entscheidenden Beitrag zur Pflege der deutschen Sprache >leisten.
Ich hatte Frau Limbach auch eher so verstanden, dass zur Sprachpflege mehr und selbstverständlicher Deutsch _gesprochen_ werden und nicht gleich auf Englisch ausgewichen werden sollte, zumal wenn Dolmetscher “quasi daneben stehen”, wie sie meinte. Falls das bei der EU so ist (… was mich nicht wundern würde).
Mir fällt im Übrigen jetzt gerade der Witz vom Österreicher (sorry!) ein, der eine Reise nach New York gewinnt und nicht fahren will, weil er kein Englisch kann. Sein Freund sagt: “Englisch ist wie Deutsch, du musst nur gaaanz langsam sprechen, dann versteht man dich da.” Im Hotel in NY angekommen und spricht der Österreicher gaaanz langsam Deutsch mit dem Mann an der Rezeption, der ihm auch gaaanz langsam auf Deutsch antwortet. Daraufhin fragt der Gast schließlich: “Siiind Siiie aaauch aaaus Ööösterreiiich?” – Darauf die gaaanz langsame Antwort: “Jaaa daaas biiin iiich.” – Gast: “Waaarum spreeechen wiiir daaann iiimmer noooch Eeengliiisch?”
Nichts für ungut! Ich mach jetzt besser Feierabend für heute …