Glauben Sie nicht, was Sie lesen
25.03.2009 von Thomas Vogl
Auf www.dritte-welt-hilfe.de werde ich mit dieser Headline begrüßt:

Das ist die Aufforderung, ein Desaster zu verursachen. Selten spricht jemand so klar das Gegenteil von dem aus, was er sagen wollte. Der Autor meinte wohl: Wir haben das Desaster verschuldet. Oder: Wir haben es zu verantworten. So was passiert, wenn einer, um dem wichtigen Gegenstand gerecht zu werden, besonders bedeutendes Schriftdeutsch schreiben möchte und sich nicht an Lessing hält, der seiner kleinen Schwester im Brief riet: Schreibe, wie du sprichst, dann schreibst du schön. Vielleicht ist der Autor auch Jurist. Ein Jurist würde nie fragen, „wer ist schuld?“, solange er für das exquisite „wessen Verschulden ist das?“ auch kein Kopfschütteln erntet.
Die Dritte Welt – wir sind an dem Desaster schuld. Diesen Satz würde ich der Hilfe für die Dritte Welt raten, wenn Sie mich um Rat fragen würde.
Aber mich fragt ja keiner. ;-)

Oh weia! Das ist ja grausam. Und das hört auch nicht bei der Headline auf, sondern zieht sich durch den weiteren Text. Allein schon der folgende Satz ist fast “ebenbürtig”: “Vor circa 50 Jahren hat sich der Begriff einer “Dritten Welt” im Zeitalter von Industrie, Fortschritt und Entwicklung der Öffentlichkeit erstmalig kundgegeben.” Und weil’s so schön ist, gleich noch ein Highlight aus diesem Lehrstück vermeintlicher Hochsprache: “Statistiken zufolge würde die Vielzahl aller Güter dieser Welt problemlos mehr als das Doppelte der Weltbevölkerung ‘ernähren’ können.” So kommt’s, wenn die Bedeutsamkeit mit Schöpfkellen eingetrichtert werden soll, wie Thomas Vogel richtig erkannt hat.