Besser langsamer, dafür aber korrekt
20.08.2009 von Biggi
Am Dienstagabend ereignete sich in Schwalmtal, wo ich lebe, Furchtbares. Ein Rentner erschoss drei Menschen und hielt unseren Ort für viele Stunden in Atem. Riesiges SEK-Aufgebot, unzählige Medienvertreter. Aber was sich da zusammengestammelt wird, nur um zu den ersten zu gehören, die eine Nachricht bringen, das ist schon haarsträubend. Ein Beispiel ist eine Meldung von dts, eine Nachrichtenagentur, die sich die Eilmeldungsagentur nennt.
Da war am frühen Dienstagabend, etwa zwei Stunden nach Beginn der Schießerei zu lesen:
Verletzte nach Geiselnahme in NRW geborgen
Dienstag, den 18. August 2009 um 18:30 |Schwalmtal (dts) – Die drei Verletzten nach der Geiselnahme und Schießerei in Schwalmtal konnten mittlerweile geborgen und in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Das berichten mehrere lokale Medien. Dabei soll es sich um Makler und Anwälte handeln, die zusammen mit dem Ehepaar ein Haus begutachteten, um dessen Wert zu schätzen. Bei der Tat, bei der eine Person getötet wurde, soll es sich um einen Streit aufgrund einer Scheidung des Ehepaares handeln. Demnach habe der Familienvater die Kontrolle verloren und um sich geschossen. Anschließend verschanzte sich der Mann mit einem zwölfjährigen Kind in einem Gartenhäuschen. Die Polizei ist derzeit noch vor Ort und konnte den Täter noch nicht stellen.
(C) dts Deutsche Textservice Nachrichtenagentur GmbH
Wissentlich hab ich noch nie so viele Falschinformationen auf so kleinem Raum gelesen:
- Drei Verletzte geborgen – kein Mensch war bis dato _geborgen_ worden. Ein Verletzter hatte sich selbst in Sicherheit gebracht.
- Geiselnahme – es gab überhaupt keine Geiselnahme
- Makler und Anwälte waren involviert, aber nicht die _drei_Verletzten, die ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Nur einer war verletzt, die anderen drei leider tot, was man aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste.
- Das Ehepaar war an diesem Tag nur die Ehefrau, der geschiedene Mann war nicht im Haus.
- Eine Person getötet – es waren drei, also “nach jetzigem Kenntnisstand mindestens eine Person” …
- Nicht der Familienvater (war gar nicht anwesend), sondern der Vater der Ehefrau, bzw. der Schwiegervater des Familienvaters …
- Es war _kein_ zwölfjähriges Kind bei ihm.
- Er war auch nicht in einem Gartenhäuschen, sondern in dem betreffenden Haus. Zu diesem Zeitpunkt wusste man noch gar nicht sicher, wo er sich aufhält.
Sehr klar gesagt: Bei diesem “Informationsgehalt” fühle ich mich als Leser wirklich verarscht. Ich warte dann doch lieber ein paar Stunden länger auf eine Berichterstattung, die mich mit gesicherten Erkenntnissen versorgt, statt mich von einer solch hektischen Eilmeldung mit auf Gerüchten basierendem Halbwissen verwirren zu lassen.
Ich frage mich nicht zum ersten Mal, was man von dem, was gedruckt, gemeldet, gesendet wird, überhaupt glauben kann.

Schlampigkeit – gerade – bei einem solchen Thema macht echt fassungslos. So sah’s hier im regionalen Käseblatt aus: Die “Westfälische Rundschau” titelte gestern, also einen Tag nach der Tat, mit der Schlagzeile “Drei Tote bei Familiendrama”, der dazugehörige Text enthält erstmal keine für mich sichtbaren inhaltlichen Fehler. Verwiesen wird auf weitere Informationen im Zeitungsteil “Land und Region”. Dorthin vorgeblättert ist Folgendes zu finden:
Überschrift: “Ein Toter bei Schießerei in Schwalmtal”
“Schwalmtal. Bei einer Schießerei in der Nähe eines Wohnhauses im niederrheinischen Schwalmtal [...] ist gestern ein Mensch offenbar auf offener Straße getötet worden. [...] Zuvor war von drei Verletzten die Rede gewesen. Die Polizei ist vor Ort, ein Spezialeinsatzkommando wurde angefordert. [...] Weitere Einzelheiten oder Hintergründe der Schießerei waren zunächst nicht bekannt.”
Dem Redakteur, der für Seite 1 zuständig war – und dort auf diese veralteten Informationen verweist – waren allerdings deutlich mehr und aktuellere Einzelheiten bekannt.
Dieser Run auf die neuesten, aktuellsten, schrecklichsten Nachrichten ist furchtbar. Besonders schlimm finde ich, dass die Menschen es so haben wollen. Die Sendungen, die brutal auf die schlimmsten Dramen draufhalten, traumatisierte Menschen interviewen, haben die höchsten Einschaltquoten. Je platter und schlechter der Inhalt, desto besser der Verkauf. Und da Medien in der Masse Unternehmen sind, in denen BWLer das Sagen haben, Aktionäre beteilitgt sind, zählt heute ausschließlich die Summe, die am Jahresende der Buchhalter ausrechnet. Und diese Summer muss einen recht großen Gewinn beinhalten. Ansonsten wird eingestampft, entlassen.
Seit Jahren erlebe ich als freie Journalistin – glücklicherweise nicht im tagesaktuellen Bereich – diesen Trend. Er macht mich traurig. Denn Journalisten werden schon lange nicht mehr dafür bezahlt, inhaltlich gut, interessant und sauber recherchiert zu arbeiten. Sondern dafür, Überschriften zu liefern, die Umsätze machen. Und das zieht sich von der BILD bis zum Spiegel. Nachhaltigkeit hat in den Medien kaum Einzug gehalten. Aber ganz habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben.
Nun ja, dass “die Menschen” es so haben wollen, glaube ich nicht. Nicht alle. Viele ja, zu viele wahrscheinlich. Ich aber z. B. nicht. Ich finde diese Art von Katastrophenjournalismus furchtbar, ob das nun im TV (auf das ich verzichte, danke) oder in Printmedien ist…
Die FAZ berichtete gestern unter der Überschrift “Bin Presse. Reicht doch. Maul zu”, dass sich auch noch ein twitternder Möchtegern-Sensationsreporter, der illegal den Polizeifunk abhörte, mit dieser Geschichte hervortun wollte. Mir fällt dazu wirklich nichts mehr ein.
Oh ja, be|es|ha, das war doch überall Thema. Bei uns steht heute in der RP, dass sie ihn identifiziert haben und er mit einer Strafanzeige zu rechnen hat. Typ aus dem Nachbarort. Ich hatte da am Dienstagabend noch mitgelesen. Ganz unabhängig vom Polizeifunktwitterer – es ist ebenfalls haarsträubend, was da bei Twitter zum Teil für ein Müll abgeladen wird.
“Geborgen” werden übrigens ausschließlich Tote. Leider ein häufiger Fehler.
Diese Polizeifunkabhörer kennen übrigens viele Nachrichten-Redaktionen. Früher bekamen sie pro “gebrachter” Meldung zwanzig Mark. Der Vorteil für die Redaktionen: Man kann schnell einen Reporter vor Ort schicken und sehr aktuell sein. Gerade für Radiosender interessant. Im Hamburger Raum kannte ich einst zwei, sehr abenteuerliche Typen.
Mich interessiert, was hier dahinter steckt: Einfach ein sensationsgieriger Laie oder jemand, der früher Geld bekam und jetzt sagt: “Ok, wenn ihr meine Infos nicht mehr wollt, dann stell ich sie eben ratzfatz online. Dann seht ihr ja, wie alt ihr ausseht!”
Was macht man denn mit Verletzten, die man irgendwo rausholt, statt sie zu bergen? Und sind Bergungsteams dann nur für Leichen zuständig? Im Sektor Werbetext hab da zwar wenig mit zu tun, aber ich bin neugierig.
@Tina Ich hab keine Ahnung, aber ich glaube auch, dass man auch Verletzte bergen kann.
Verletzte werden schlicht gerettet. Ach, es gibt dazu ganz tolle Erklärungen, vielleicht mag hier mal jemand besser googeln, jeder Feuerwehrmann weiß das. (Und ich als alte Nachrichten-Sprecherin muss es auch wissen.) Ich finde auf die Schnelle nur diesen Link, den ich nur überflogen habe – und habe keine Ahnung, wer “Dr. Bopp” ist. ;)
Aber ich wollte schnell antworten, also hoffe ich, es ist kein Murks.
DIESEN Link: http://canoo.net/blog/2008/07/07/verwundete-retten-und-tote-bergen/
@Biggi Das hätte ich auch gedacht. Bei der Suche in Trümmern beispielsweise weiß man ja gar nicht, ob man mit Bergungs- oder mit Rettungsarbeiten befasst ist, auch wenn es wohl unterschiedliche Hunde zum Aufspüren von Lebenden und Toten geben mag …
@BFreith Ich werde wohl in diesem Leben keine Reporterin mehr, merk mir das aber mal im Hinterköpfchen – und Dr. Bopp finde ich irgendwie sehr vertrauenswürdig. :-)