Fahrt zur Buchmesse – das reine Vergnügen?
15.10.2009 von ergoscriptum
Sie gehört dazu, die Buchmesse. Sei Frankfurt noch so weit entfernt: Die Buchmenschen müssen hin! Und nicht nur die. Sondern auch die Journalisten und Fernsehtechniker, die Sicherheitskräfte und Kaffeeröster, die Autoren und auch wir Textprofis. Eine ganze Menge Leute also, die sich da auf den Weg machen. Das riecht nach schlechter Luft auf der Strecke. Und in den Messehallen noch dazu.
Wie dick wird denn nun die Luft, wenn ich mich auf den Weg mache, die Bücherwelt zu erkunden?
Ich habe es nicht so weit, nur ca. 100 km: von Marburg nach Frankfurt, von Mittelhessen nach Südhessen. Das ist doch schon mal ein Plus, denke ich mir. Ich nehme die Bahn. Auch das erscheint mir ein wirklich lobenswerter Entschluss zu sein. Und siehe da, bei der Fahrplanauskunft der Deutschen Bahn im Internet lese ich, nachdem ich den Button mit der kleinen Blume gedrückt habe, der sich UmweltMobilCheck nennt: „Mit Ihrer geplanten Bahnreise entlasten Sie unser Klima um 8,8 kg CO2 gegenüber einer Fahrt mit dem PKW.“ Na, hallo! Das ist doch schon mal nicht schlecht, denke ich und fühle mich auch gleich von Kopf bis Fuß grün. Und dazu gibt es sogar noch Balkendiagramme, die den Ausstoß sämtlicher Luftschadstoffe von Bahn und Auto vergleichen. Und da spare ich mit meiner Bahnreise noch weitere 0,0791 kg Schadstoffe ein, und noch dazu 5 l Benzin. Woher weiß das denn nun aber die Deutsche Bahn? frage ich mich und finde unterhalb der Diagramme auch schon die Antwort. Das hat sie sich nicht einfach ausgedacht, sondern diese Angaben basieren auf den Berechnungen des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg. Das alles ein macht einen sehr seriösen Eindruck und ich bin geneigt, es zu glauben. Wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass ich den Weg zum Bahnhof zu Fuß zurückgelegt habe, dann ist der Reisestart wohl eher als klimafreundlich zu bezeichnen.
Ankunft in den Messehallen: Viele Menschen, Sicherheitsschleusen, piepsende Riesendetektoren und Rolltreppen, Laufbänder, beleuchtete Vitrinen, blinkende Anzeigen, Lautsprecherdurchsagen, Riesen-Scheinwerfer an den Decken, Aufzüge, Computer, Monitore, Videoleinwände und sogar einige Bücher! O.k., ich bin überfordert! Wohin schaue ich zuerst, wohin laufe ich zuerst? Rums, Entschuldigung, ich hab Sie nicht… ach, schon weg, die Gute! Hat sie wohl nicht mehr gehört. Schnell erst einmal einreihen in den Strom der Besucher. Rechts neben dem Laufband, natürlich, das spart CO2.
Und dann klappere ich die Stände auf meiner Liste ab, bekomme Kulis geschenkt und sogar ein Leseexemplar, unterhalte mich mit netten Praktikanten aus dem Vertrieb und schicken Damen aus dem Marketing. Gehe einen Kaffee trinken und esse später ein leckeres Baguette und trinke noch später noch einen Kaffee und irgendwann habe ich doch tatsächlich meine Umweltbilanz vergessen. Als sie mir wieder einfällt, bin ich schon ca. 20 Mal Rolltreppe gefahren, hoch und runter, und wieder hoch, habe mir zig Werbefilmchen angeschaut, bin vor überbeleuchteten Bildbänden und blau leuchtenden Verlagstheken stehen geblieben, habe Interviews gehört, die im Fernsehen übertragen werden und am Ende des Tages habe ich doch noch den ganzen Rückweg zum Ausgang auf dem Laufband zurückgelegt. Denn meine Füße wollten nicht mehr, nein, sie konnten nicht mehr!
Zum Glück steige ich jetzt gleich in den Zug, es ist eine kurze Reise, die Öko-Bilanz der Bahn beruhigt mich wieder, und ich denke lieber noch nicht an den Fußmarsch vom Bahnhof nach Hause. Ach je, da fällt mir ein: Atmen produziert auch CO2! Wenn ich mich zu sehr anstrenge, lässt sich das mit den Klimaschutzzielen überhaupt vereinbaren? Vielleicht wäre eine Taxifahrt doch ausnahmsweise mal drin? Ist doch nur ‘ne kurze Strecke!



Ich hatte die gleichen Pläne – allerdings von Würzburg aus. Mal wieder entspannt Bahnfahren und so. Zugabteil war schon ganz schön besetzt. Ankunft und dann Weiterfahrt mit dem Taxi.
Wer denkt denn noch großartig an Umwelt, wenn er (endlich) vor den Messehallen “anlandet”. Lärm und Wärme. Bald fangen die Füße an zu qualmen. Ist halt mal wieder Messe mit bunten Bildern vor den Augen. Mit Neonlicht und netten Stand-Mitarbeitern. Mal gibt es einen Kaffee mal ein Merchandising-Produkt mit Werbeaufdruck. Das übliche eben. Irgendwann dann Kopfgebrumme und erste Gedanken (wie immer) warum tue ich mir das an? Auch wie immer. Später auf der Heimfahrt schon mal die “Ausbeute” gesichtet … und immer noch kein Gedanke an die Umwelt … Freude auf eine Dusche, kleine Brotzeit, dann Bett … und bei der nächsten Messe wiederholt sich alles wieder …
Ach je, du Arme, ich denke aber, Rollband fahren ist erlaubt! Die Dinger fahren ja eh und werden nicht extra für dich angeworfen; so wie Züge ja auch fahren, selbst wenn du nicht drin sitzt. ;-)
Sehr viel Verzicht auf sehr viel Werbematerial (es gibt GENUG Buttons, Kulis, Luftballons!), das wär doch sicher mal ein Ansatz!
So, und jetzt lasst uns ruhig mal das Gewissen der Buchmessenbesucher entlasten und wenden wir uns dem Ökogewissen eines Durchschnittsgastes der IAA zu …
[...] Silke zieht augenzwinkernd Ökobilanz ihres Buchmessebesuchs – und weiß nun: Klimakiller lauern überall. Macht euch das ruhig mal bewusst! [...]
Toll Silke! Super Debut. Und ein wirklich toller Ansatz, sich dem Thema zu nähern. Glückwunsch und willkommen im Blogteam!