Rette die Welt – lies ein Buch!
15.10.2009 von Julia Dombrowski
Bei den Schlagwörtern “Text” und “Klimawandel” kommt mir – wie vielen anderen vermutlich auch – auf Anhieb ein Roman in den Sinn, der es wie kaum ein zweites deutsches Buch in den letzten Jahren geschafft hat, international einzuschlagen: Frank Schätzings Ökothriller Der Schwarm. Nun erfüllt die Geschichte viele Kriterien, um zum weltweit anerkannten Bestseller zu werden: Sie ist spannend, fesselnd, überraschend. Und doch hat sie mich nach dem Lesen mit einer gehörigen Portion Enttäuschung zurückgelassen – denn auf übermenschliche Wesen, die uns autoritär und unnachgiebig dazu zwingen werden, Verantwortung für die Welt zu übernehmen, in der wir leben und die wir systematisch zerstören, können wir wohl lange warten. Oder eigentlich gar nicht mehr so lang: Weil die Welt uns mit beängstigender Geschwindigkeit nach und nach unter dem Hintern wegzuschmilzen droht.
Drastischer schildern da die beiden Autoren Claus-Peter Hutter und Eva Goris in Die Erde schlägt zurück. Wie der Klimawandel unser Leben verändert unsere ureigene Verantwortung und die Auswirkungen unserer Dummheit, wenn wir däumchendrehend auf Umweltretter warten – statt selbst aktiv zu sein. Sich auf Fakten stützend, zeichnen Hutter und Goris das Szenario eines Jahres 2035, das uns erwartet, wenn wir nicht umgehend handeln. Und sofern er es überhaupt liest, sollten die schockierenden Prognosen über wirtschaftliche Auswirkungen, Ströme von Klimaflüchtlingen und der Wegbruch bewohnbarer Regionen selbst dem ignorantesten Hummer-Fahrer begreiflich machen: Aus Fiktion wird Fakt, wenn wir den Rettungsanker nicht JETZT werfen.
Beim Thema “Klimawandel” kommen mir aber auch Texte in den Sinn, die sich gar nicht vorrangig um Umweltthemen drehen, sondern mir sozusagen im Vorbeigehen eine schützenswerte Natur schildern: Theodor Storms Der Schimmelreiter etwa, eine Novelle, die meine Liebe zur Rauheit der Nordsee manifestiert hat. Die Nordsee wird zum Mittelmeer, hieß es im Juli auf sueddeutsche.de. Und mich gruselt das aus ganz egoistischen Gründen: Ich will kein Mittelmeer an der Nordküste. Ich will ein Storm’sches Meer, ein wildes, graues, glitzerndes, stürmisches Gewässer. Die Vielfalt hat die Natur sich mal sehr schön ausgedacht – glitzerndes Türkis im Süden, faszinierende Schroffheit im Norden. Das soll so bleiben.
Um sich vor Augen zu rufen, was wir eigentlich schützen wollen, schadet auch der Blick auf die Jungs (und wenigen Mädels) nicht, die uns in der Schulzeit begleitet haben: Goethe, Mörike, Hölderlin, Eichendorff, Droste-Hülshoff … Sobald uns niemand mehr zwingt, eine seitenlange Gedichtinterpretation zu verfassen und Metapher sorgfältig von Anapher zu unterscheiden, machen diese Texte wirklich Spaß – und nachdenklich. Keine Angst vor Naturlyrik, School’s out, keiner gibt Noten.
Zum Schluss noch etwas Fun-Punk-Lyrik (Die Ärzte):
Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist,
Es ist nur deine Schuld, wenn sie so bleibt!
Es ist nämlich UNSER Ding zu handeln. Jetzt. Einen winzigen Beitrag habe ich bei der Recherchearbeit für diesen Artikel im Rahmen des Blog Action Day 2009 geleistet: Sämtliche Suchen nach Titeln und Verweisen habe ich mit der Suchmaschine Forestle getätigt. Die spenden Ihre Werbeerlöse für die Erhaltung des Regenwaldes – und je mehr Menschen den Dienst nutzen, desto größer die bewahrte Regenwaldfläche.
Lesetipps im Überblick
Frank Schätzing: Der Schwarm. Kiepenheuer & Witsch 2004.
Claus-Peter Hutter / Eva Goris: Die Erde schlägt zurück. Wie der Klimawandel unser Leben verändert. Droemer Verlag 2009.
Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Klett Verlag, zeitlos.
P. Illinger: Die Nordsee wird zum Mittelmeer. Sueddeutsche.de am 02.07.2009.
Dietrich Bode (Hg.): Schläft ein Lied in allen Dingen. Naturlyrik. Reclam Verlag 2003.
Die beste Band der Welt: Deine Schuld. Songtext von Farin Urlaub.
Wie funktioniert Forestle? Auf: forestle.org.

Prima geschrieben, das les ich mir am Wochenende noch mal in aaaaaller Ruhe durch. :) Danke auch für den Lesetipp, das Buch von Hutter/Goris setze ich mal auf meine Liste…
Grüße nochmals zum Blog Action Day!
Der ist ja nun schon vorbei, aber wir haben wieder etwas daraus gelernt.
Zugegeben: Sinn und Inhalt dieses Postings hier haben sich mir erst beim 2. mal Durchlesen einigermaßen erschlossen (das erste mal war ich wohl von der modernen Hektik getrieben? …)
Die Liste der Lesetipps möchte ich gern um ein Gedicht erweitern:
http://www.gedichte.eu/71/george/das-neue-reich/der-mensch-und-der.php
(mutet zwar zunächst etwas “altbacken” an, dieses Gedicht, trifft aber m.M.n. genau das Thema)
Viele Grüße
Nobbi Schnutzel
[...] Textguerilla (für das ich auch schreibe) mehr Leser hat als der Textsektor-Blog, habe ich meinen Textbeitrag zum Blog Action Day 2009 dort [...]